Wir über uns

Vier Jahre auf einem Internat prägen einen Jugendlichen nachhaltig. Die in dieser  Zeit gemachten Erfahrungen haben zwei Seminaristen, ein aktueller und einer, der bereits auch die Seminarzeit seiner Kinder überblicken kann, zusammenfassend niedergeschrieben:

 

Wie mich das Seminar geprägt hat

von Jonas Schmelzle (Promotion 2011/2015)

Das Internatsleben am Seminar Maulbronn hat mich in so ziemlich jeder Hinsicht geprägt. Dies geschah durch zwar nicht durchweg positive, aber auf ganzer Linie weiterbringende Erfahrungen:

Da wäre zunächst einmal die Freiheit, sich zu entfalten, ohne sofort für ein besonderes Hobby oder ausgefallene Kleidung ausgelacht zu werden. In meinem Fall habe ich erst hier erkannt, dass ich gut zeichnen kann, was ich mittlerweile fast täglich tue. Gleichzeitig gewährt einem diese Freiheit, eigene Standpunkte zu vertreten und vor allem auch durchzusetzen. Denn gerade aufgrund der kleinen Schülerzahl gilt die individuelle Meinung hier enorm viel. Das Gefühl, einer von vielen zu sein, wird hier von kaum einem Empfunden. Man lernt folglich, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen.

Ein weiterer Punkt ist die Gemeinschaft: Sie dient als große Hilfe, wenn es darum geht, seine Freizeit so interessant wie möglich zu gestalten. Gerade wenn man einmal nicht weiß, was man mit sich anfangen soll, ist es eine große Hilfe, wenn man jemanden um sich herum hat.

Rückblickend kann ich nach einem Jahr am Seminar sagen, dass es einem vor allem die Möglichkeit gibt, sich selbst zu finden. Es stellt dabei einen guten Übergang in die Berufswelt und Selbstständigkeit dar.



Meine persönliche Prägung durch das Seminar und meine Erfahrungen mit der Schule

von Martin Pfeiffer (Promotion 1953/1957)

Meine Erfahrungen mit der Schule und die persönliche Prägung durch je zwei Seminarjahre in Maulbronn und Blaubeuren sind eher untypisch, also bestimmt nicht verallgemeinerbar.

Als ich nach bestandenem Landexamen (12. von über 90 Mitbewerbern) am 15. April 1953 gemeinsam mit 51 Kompromotionalen ins Evangelisch-theologische Seminar Maulbronn einzog, hatte ich achteinhalb Jahre wechselhafter Schulzeit hinter mir: Noch fünfjährig Anfang September 1944 in Winnnenden eingeschult, wohin unsere Familie (Mutter mit vier kleinen Kindern, Vater als Sanitäter vor und in Stalingrad) ins großelterliche Pfarrhaus aus Stuttgart evakuiert worden war, erfolgte nach Kriegsende bereits der nächste Umzug, weil mein Vater (vorher Gemeindepfarrer und dann bei der Ev. Gesellschaft in Stuttgart) nach seiner Heimkehr zum Leiter des Ev. Mädchenwerks in Württemberg bestellt worden war. So musste ich als Sechsjähriger mich in Korntal in eine neue Klassengemeinschaft einfügen und drei Jahre später erneut als Sextaner im humanistischen Gymnasium, also mit grundständigem Latein. Nur anderthalb Jahre danach wurde mein Vater Direktor des Burckhardthauses in der hessischen Barbarossastadt Gelnhausen. Anders als in Baden-Württemberg war dort der Schuljahresbeginn bereits ins Frühjahr verlegt worden: durch ein Langschuljahr von 18 Monaten. Ein humanistisches Gymnasium gab’s dort nicht; also musste ich erst einmal zweieinhalb Jahre Englisch nachlernen, weil ich gleich in die Quarta aufsteigen und drei Jahre später Seminarist werden wollte – wie schon mein Großvater und Vater. Im Hinblick auf das Landexamen war der fremdsprachliche ‚Schleuderkurs’ ebenso ungünstig wie der Umstand, dass es in Hessen andere Schulbücher und Lehrpläne gab als in Württemberg sowie (Kurhessen-Waldeck!) einen anderen Katechismus. Und ans Heimfahren an den Reisewochenenden war wegen der großen Entfernung natürlich auch nicht zu denken.

Am 15. April 1953 war mein Vater dienstlich irgendwo im großen Vaterland unterwegs; und so war ich damals der Einzige, der beim Einzug ins Seminar nicht von seinen Eltern, sondern von seinem Großvater begleitet wurde. Doch dies tat meiner Freude und meinem Stolz, nunmehr Seminarist zu sein, keinen Eintrag, zumal unter den Kompromotionalen fünf Freunde aus der Winnender bzw. Korntaler Schulzeit waren – für mich also nicht nur regional und muttersprachlich eine Rückkehr in die alte Heimat.

Trotz der damals noch ziemlich strengen Hausordnung fühlte ich mich – anders als manche Mitschüler auch unserer Promotion – im Seminar überhaupt nicht „unterm Rad“, genoss vielmehr den geregelten Tagesablauf ohne weite Schulwege, das ganz überwiegend freundschaftliche Miteinander bei Sport und Spiel; freute mich, wenn unser Musiklehrer Martin Süße zu Beginn fast jeder großen Pause schon auf dem Weg vom Musiksaal zu unserer 16-Mann-Stube Hellas mit weithin hörbarer Stimme rief: „Los, Pfeiffer‚  nen Skat!“´ Ich begann, das Geigenspiel zu lieben, mit dem ich zwei Jahre zuvor auf elterlichen Druck ziemlich lustlos angefangen hatte, weil ich nun exzellente Pianisten als Begleiter hatte und schon nach wenigen Monaten im Seminarorchester mitspielen durfte. Gleichermaßen genoss ich den Unterricht durch ein rundum qualifiziertes Lehrerkollegium, aus dem mir nahezu alle so etwas wie väterliche Freunde geworden sind; nicht zuletzt durch die eine oder andere Studienfahrt sowie durch kooperatives Miteinander bei der Regie zu Vorbereitung und Aufführung von Theaterstücken.

Alles in allem waren die Seminarjahre für mich ein vielfältig anregender, solide humanistische und theologische Bildung vermittelnder, ja rundum erfüllter Lebensabschnitt, der mir für mein weiteres Dasein sehr viel mitgegeben hat und auf den ich auch heute noch mit großer Dankbarkeit zurückblicke. Mag sein, dass unsere drei Kinder etwas davon verspürt haben. Jedenfalls sind sie alle – im Abstand von je zwei Jahren – auf eigenen Wunsch Maulbronner und Blaubeurer Seminaristen geworden und haben diese Jahre ähnlich genossen wie ihr Vater: als positive Erfahrung und dankenswerte Prägung für ihr weiteres Leben.