Oratorium

Karsten Gundermann 

Des Menschen Wille

Oratorische Disputation zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam

Die Saison der Klosterkonzerte Maulbronn startet mit einem echten Highlight: der Uraufführung eines Oratoriums zum Reformationsjubiläum 2017.

Seit etwa 1519 stand der »Vater der Humanisten« Erasmus von Rotterdam mit Martin Luther im Briefwechsel. Auf Drängen anderer Gelehrter, Kirchenfürsten sowie weltlicher Machthaber verfasste Erasmus im Jahre 1524 seine feinsinnige Streitschrift »Vom freien Willen« (De libero arbitrio). Darin lehnte er die Prädestinationslehre Luthers ab und behauptete, der Mensch könne sich willentlich für das Gute entscheiden und dadurch sein Seelenheil mitgestalten. Luther antwortete 1525 wortgewaltig, »dass der freie Wille nichts sei« (De servo arbitrio) – und schuf damit eine der bedeutendsten Schriften der protestantischen Theologie. Der Mensch, so Luther, kann sich niemals aus eigener Kraft retten und bleibt vollumfänglich auf die Gnade Gottes angewiesen.

Das von Karsten Gundermann für den Chor des Evangelischen Seminars Maulbronn komponierte Oratorium Des Menschen Wille greift Passagen aus Luthers und Erasmus’ Werken heraus und ordnet sie zu einem fiktiven Streitgespräch. Argumente beider Seiten verdichten sich in Rezitativen, aus angeführten Bibelzitaten wachsen Arien für die Solisten. Zahlreiche Chorsätze kommentieren und hinterfragen das Streitgespräch – die Texte dafür entstanden unter der Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler.

Der Kirchenraum der Klosterkirche Maulbronn wird durch die Standorte der Sänger und Musiker in die Komposition mit einbezogen, beispielsweise durch Barockposaunen hinter dem Lettner und den Einsatz der großen Grenzing-Orgel. Darüber hinaus sorgen ein groß besetztes Schlagwerk, Laute und Streicher für einen farbigen Orchesterklang.

Zwei herausragende Solisten konnten für das Oratorium gewonnen werden: Tenor Marcus Ullmann arbeitete weltweit mit namhaften Dirigenten wie Riccardo Chailly und Helmuth Rilling zusammen und war bereits mehrfach auch bei den Klosterkonzerten zu hören. Bass-Bariton Frank Wörner, Professor an der Hochschule für Musik Saarbrücken, ist Spezialist für Alte und Zeitgenössische Musik und trat in diesem Bereich mit den bekanntesten Ensembles (u. a. Klangforum Wien und Ensemble Modern) auf.

Der vielseitige Komponist Karsten Gundermann schreibt immer wieder für Musikprojekte mit Jugendlichen, zuletzt unter anderem für die Stadtteiloper der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und der GSO Bremen-Tenever, für die Internationale Bachakademie Stuttgart sowie für das 800-Jahr-Jubiläum des Dresdner Kreuzchores.

Das Kloster Maulbronn ist seit der Reformation in Württemberg ein Ort protestantischer Bildung. Herzog Christoph ließ 1556 eine Klosterschule in dem ehemaligen Zisterzienserkloster einrichten, die bis heute Bestand hat: das Evangelische Seminar. Ziel der Schulgründung war es, die Landeskinder im neuen Glauben zu unterweisen und evangelischen Pfarrer- und Lehrernachwuchs heranzuziehen. Die Schule verdankt ihre Existenz also der Reformation und ihre Identität speist sich aus ihrer protestantischen Tradition.

Ausnahmslos alle Schülerinnen und Schüler sowie ein Großteil des Lehrerkollegiums sind an diesem besonderen Projekt zum Reformationsjubiläum beteiligt.


 Karsten Gundermann

Des Menschen Wille

Samstag, 20.05.2017, 19 Uhr 

Sonntag, 21.05.2017, 18 Uhr

Klosterkirche Maulbronn

Marcus Ullmann, Tenor (Erasmus)

Frank Wörner, Bass (Luther)

Chor des Evangelischen Seminars Maulbronn

Laute, Streicher, Schlagwerk, Posaunen, Orgel

Sebastian Eberhardt, Leitung

Vorverkauf und weitere Informationen ab 6. März 2017 unter www.klosterkonzerte.de


Auf dieser Seite werden wir Sie mit aktuellen Informationen zum Projekt auf dem Laufenden halten: 

Zum Erlebnisbericht "Einsingen". 

Bericht über die Chorfreizeit in Weikersheim im Februar 2017. 

 

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Einsingen mit Conrad

„Ng“ - Tatsächlich liegt meine Zunge wie ein Lappen in meiner Mundhöhle. „Nnnngg“. Merkwürdig fremd fühle ich meine Zunge, wenn ich diese Laute produziere und darauf achte, was sich dabei in meinem Mund abspielt. Gleich nochmal: „nnnggg“. Ja, richtig, genau wie ein Lappen am Gaumen. Ich bewundere den Leiter des Einsingens, Conrad Schmitz, dafür, wie genau er die Mechanismen im Körper beschreiben kann, die Laute erzeugen. 

„nn-“ beginne ich wieder, dann fällt mir auf, dass die anderen 86 Personen im Raum bereits laut „aaaaa“ machen. Oben auf der Bühne steht Conrad am Flügel. Sein Mund ist halbweit geöffnet und er lässt Luft herausströmen „aaaaaaaaaa“. 87 Sänger antworten: „aaaaaaaaaaaa“. „Der Ton entsteht nicht im Mund, er muss aus dem Bauch kommen.“, sagt Conrad, „Wenn ihr eure Hände auf die Brust legt, könnt ihr es darin wohlig vibrieren fühlen. Macht das mal.“ Er legt dabei seine Hand auf die Brust, holt tief Luft und beginnt mit den Modulationen. Alle tun es ihm nach.

Als ehemals passionierter Nicht-Chorsänger kann ich mich noch gut daran erinnern, mit welch gemischten Gefühlen ich bisher Chören beim Warmmachen der Stimme zugehört habe. Irgendetwas zwischen mitleidigem Bedauern und ungläubigem Kopfschütteln. Jetzt stehe ich selbst in der großen Gruppe der Chorsänger und beginne zu begreifen, dass dieses Einsingen mit all dem Summen, Prusten, Plappern, Kauen, mit der Variation der gesungenen Tonhöhen, dem Vor- und Nachsingen, mit dem Gesichtmassieren, dem übertriebenen Gähnen, mit dem genauen Nachfühlen, wo im Mund Vokale gebildet werden, in der Tat eine wesentliche Veränderung der Singqualität mit sich bringt. Zu Beginn der Übung klingt die Gruppe noch wie eine Gruppe von 86 Personen, die mehr oder weniger laut, mehr oder weniger deutlich, mehr oder weniger klar singt. Aber am Ende… 

Aber vor dem Ende wird es knifflig und anstrengend. Obwohl es Conrad lieber hat, wenn alle stehen (dann klingt es auch deutlich besser), sollen wir uns jetzt setzen. Allgemeine Erleichterung. Conrad sitzt auch (auf dem Klavierhocker) und beginnt mit seinen Handflächen rhythmisch auf seine Schenkel zu klopfen („tackatackatackatackatackatacka“). Ich ahne Übles. Immer mehr Sänger, die jetzt zu Schlagwerkern mutieren, nehmen den Rhythmus auf, auch ich versuche mein Glück. Wenn ich leise genug klopfe bemerkt niemand, dass ich keine Ahnung habe, wann die Betonungen lauter geklopft werden müssen. Verschämt blicke ich um mich und sehe sehr viele mit geschlossenen Augen im Rhythmus vertieft, einigen scheint es aber auch eher wie mir zu gehen. Als Conrad dann die Füße zu einer Betonung des Rhythmus einsetzt („babummbumm - - babummbumm“), kapituliere ich innerlich. Dennoch zwinge ich mich zu einem Versuch. Eine Zeit lang glaube ich, den Bogen herauszuhaben, bis ich bemerke, dass ich doch irgendwie aus dem Takt bin. Überglücklich komme ich der Forderung nach, zum Singen wieder aufzustehen.

„Könnt ihr euch mal den Kopf vollstaunen?!“ bittet Conrad und zeigt uns mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund, mit nach oben-hinten gezogenen Stirnfalten an, was er damit meint. Ich imitiere seine Mimik und stelle fest, dass der Innenraum meines Kopfes jetzt vergrößert wirkt. Die Lippen werden leicht geschürzt, Luft strömt, „ooooooooooooooo“. „Wenn ihr dabei übertrieben klingt, wie echte Opernsänger, dann ist es richtig.“, sagt Conrad. „OOOOOOOOOOO“ Er klingt wirklich wie ein echter Sänger, aber das liegt sicher auch daran, dass Conrad ausgebildeter und ausgezeichneter Bassbariton ist. Der Chor gibt entsprechend alles. Und wieder zeigt sich, wie verändert eine Gruppe Menschen singen kann, wenn sie entsprechend angeleitet wird. „OOOOOOO“. „Wahnsinn, jetzt klingt‘s super“, freut sich Conrad. Er steht jetzt wieder am Flügel und greift in die Tasten, der Chor schmettert „Niiwweeeeeaaaaaa, niiiiwweeeeeaaaaa, niiweeeeeeaaaaaaaaaaaaa“ – jetzt erwische ich mich doch bei dem Gedanken, dass das auf Außenstehende ziemlich lustig wirken muss. 

Dann aber höre ich genau hin. Ja, es klingt tatsächlich super. Am Ende des Einsingens also klingt die Gruppe nicht mehr wie 87 Einzelpersonen - sie klingt wie ein Chor.

von Sem-Julian Griesinger 

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Chorfreizeit in Weikersheim

8:00 Uhr: alle Seminaristen sitzen im Bus auf dem Weg nach Weikersheim. Dieses Jahr singen wirklich ausnahmslos alle Schüler im Chor mit. Das Projekt, das ansteht, ist auch etwas ganz Neues und Unbekanntes: ein speziell für unsere Schule komponiertes Stück. „Des Menschen Wille“ ist die Überschrift unseres Oratoriums, das von der Auseinandersetzung zwischen Martin Luther und Erasmus von Rotterdam handelt. Thema der Auseinandersetzung ist dabei der freie (Erasmus) bzw. unfreie Wille (Luther) des Menschen.

Fünf intensive Tage Chorfreizeit stehen vor uns. Aber nicht nur vor uns Schülern, denn der Reiz einer Uraufführung hat auch Teile unserer Lehrer und deren Familien in unseren Chor gelockt. So haben sich über 80 Chorsänger, unser Chorleiter Sebastian Eberhardt, der Gesangslehrer Conrad Schmitz, Pianist Mihály Zeke und nicht zu vergessen der Komponist Karsten Gundermann persönlich auf den Weg ins wunderschöne Schloss Weikersheim gemacht, um für die Uraufführung zu proben. Sechs der dreizehn Chorsätze hatten wir bereits teilweise in Maulbronn erarbeitet, sieben weitere mussten noch ganz neu gelernt werden. Da die meisten Chorsätze sechsstimmig sind, probten wir anfangs in getrennten Stimmen, um das Erlernen der Stücke zu erleichtern. Aber selbst in den Stimmproben war hohe Konzentration gefordert, um die teilweise sehr anspruchsvollen Rhythmen und Melodien zu erlernen. Dass der Komponist bei den Proben immer dabei saß, war für viele anfangs etwas ungewohnt. Denn einerseits hofft man natürlich ihn nicht zu enttäuschen und alles so umzusetzen wie er es sich vorgestellt hat, andererseits bestand bei Unklarheiten aber immer die Möglichkeit, ihn direkt nach der Intention und der Umsetzungsweise zu fragen, wodurch wir viel über das Stück erfahren und es verstehen konnten. 

Besonders beeindruckend war dabei, dass Karsten Gundermann uns stets sämtliche Fragen im Bezug auf das Stück beantwortete. Gleichzeitig war er auch offen für unsere Kritik und Verbesserungsvorschläge. Auch Herr Eberhardt betonte, dass die Anwesenheit Karsten Gundermanns einen sehr positiven Effekt auf ihn und den Chor habe. 

Um alle Stücke zu erlernen, probten wir bis zu 7 Stunden am Tag, wobei es auch immer wieder kleine Pausen zwischen den Proben gab. Unsere Unterkunft, die nur wenige Minuten vom Schloss und unserem Proberaum, dem alten Gewehrhaus im Schlossgarten entfernt war, versorgte uns täglich mit leckerem Slow- Food-Essen, dem Ingwer-Wasser und dem allseits beliebten Anti-Stress-Steine Wasser. Abends kamen wir, nach den anstrengenden Probetagen, in der gemütlichen Couchlandschaft der Lobby zusammen: Wir spielten Karten, schauten Filme und führten interessante Gespräche. 

Das besondere an der Musikfreizeit war natürlich neben der Auftragskomposition, dass wirklich alle Schüler mit nach Weikersheim fuhren. Als wir am Freitag mit der letzten Probe fertig waren, freuten wir uns natürlich sehr zu sehen, was wir gemeinsam als Schule innerhalb der 5 Tage erreicht hatten.  Zwar müssen wir jetzt bis zu der Uraufführung immer noch viel proben, doch sind wir unserem Ziel schon ein großes Stück näher gekommen. 

Louis und Marie (Promotion 2013/17)