Freiheit nach Luther

Im Jahr 1520 verfasste Martin Luther die Schrift „Die Freiheit eines Christenmenschen“, in der er über die Freiheit der christlichen Seele und den Christ in Beziehung zu seinen Mitmenschen zu Wort kommt. Der zentrale Aspekt ist die bekannte widersprüchliche Doppelthese:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“

„Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Die erste These (vom freien Herren) beschreibt den innerlichen, neuen und geistlichen Menschen, also das Seelische, was für den Menschen körperlich nicht zu fassen ist. Die andere These hingegen meint den äußerlichen, alten und leiblichen Menschen. Den, der der Welt und ihren Versuchungen ausgesetzt ist, mit allen körperlichen Bedürfnissen, aber auch zwischenmenschlichen Möglichkeiten: Entweder am Nächsten Gutes zu tun, oder ihn zu belügen oder Ähnliches.

Die Freiheit des innerlichen Menschen bezieht sich auf die Seele und beschäftigt sich mit der Leitfrage: „Wie wird die menschliche Seele eines Christen frei?“ Luther beantwortet dies mit einem Pauluszitat aus dem Römerbrief (Römer 3,28); nämlich, dass der Mensch (es ist immer ein Christ gemeint, da Luther sich nur auf die Menschen christlichen Glaubens bezieht) allein durch Glauben frei wird. Frei werden bedeutet, vor Gott gerechtfertigt zu sein und so das ewige Leben zu erlangen. Den Weg des Freiwerdens der Seele geht Luther in seiner Theorie über die sogenannten „Vier Soli“, von denen eines gerade bereits erwähnt wurde: „sola fide“. Den Glauben bekommt man von Gott geschenkt, was aus Gnade geschieht. „Sola gratia“ liegt also allem zugrunde. Liest man folglich als Glaubender in der Bibel, dem Wort Gottes, das (durch den Heiligen Geist) allein es möglich macht, von der Rechtfertigung und Freiheit zu erfahren (hier knüpft das nächste Solo an: „sola scriptura“), entdeckt der Leser Jesus Christus und erkennt, dass der Weg zu Gott „solus christus“ möglich ist (Johannes 14,6). Nun ist die Seele frei; komplett ohne menschliches Zutun ist der Mensch vor Gott gerechtfertigt. Sein Inneres ist dem Göttlichen so ähnlich, dass es stets danach strebt, nach Gottes Maßstäben, zu seiner Ehre und dem Nächsten zum Besten (Matthäus 25,40) zu leben. Der lateinische Satz „Simul iustus et peccator“ (Sünder und Gerechtfertigter zugleich) beschreibt diesen Zusammenhang. Dass es einen sogenannten „fröhlichen Wechsel und Tausch“ (laut Luther) gibt: Der Mensch bekennt Jesus seine Sünden und wird frei, da er durch Jesu Tod am Kreuz ein Gerechtfertigter vor Gott ist, gleichzeitig aber auch Sünder, weil jeder Mensch mit der Ursünde behaftet ist.

So lebt der Mensch also in einer sündigen Welt und ist vor Versuchungen und schlechten Taten nicht gefeit. Der innere steckt ja im äußeren Menschen drin, der ein „dienstbarer Knecht aller Dinge“ ist. Dieser so unfrei klingende Satz beschreibt die Beziehung zu anderen Menschen. In Demut ( Sprüche 3,34 ) zu handeln und ihnen zu dienen, sogar den anderen „ein Christus [zu] sein“ geschieht durch den innerlichen Menschen im äußerlichen Menschen quasi von selbst, da die göttlichen Gesetze in ihm verankert sind (Römer 7,22). Der Christ tut also freiwillig gute Werke an seinen Mitmenschen, und nicht, wie die Lehre der Werksgerechtigkeit beschreibt, um Gott näher zu kommen und sich ein ewiges Leben zu erarbeiten. Stattdessen möchte er am Wachsen des Reiches Gottes beteiligt sein. Das Ziel eines jeden Christen ist es (oder sollte es nach Luther zumindest sein), den äußerlichen Menschen dem innerlichen gleichzumachen.


Luther geht von einem unfreien Willen des Menschen aus, was die göttlichen Sachen betrifft. In einer sich auf Erasmus von Rotterdam beziehenden Schrift von 1525 „De servo arbitrio“ nutzt er ein Bild, um diesen unfreien Willen zu erklären: Der menschliche Wille als Reittier befindet sich zwischen Gott und dem Satan und wird entweder von Gott oder vom Satan geritten (Matthäus 6,24). Doch selbst entscheiden kann er sich diesbezüglich nicht.

Erasmus von Rotterdam, ein Humanist des 16. Jahrhunderts, behauptet hingegen, der göttlichen und geschenkten Gnade für jeden Menschen (von der auch Luther ausgeht) folge eine aktive Entscheidung für oder wider den Glauben. Luther setzt dem jedoch dagegen, dass der Mensch dann Gott gleich wäre, wenn er sogar über seinen eigenen Glauben entscheiden könne und meint, dass solches vom „Deus absconditus“ (dem verborgenen Gott) kommt, was der Mensch nicht verstehen kann und postuliert also einen Determinismus, was die weltlichen Dinge betrifft.

Von Dorothee Vogel (Promotion 2014/2018)